hier ein essay über die rhetorik des politischen. erschienen im aktuellen “blatthirsch. flugblatt für kultur, freiräume und zivilcourage im bezirk vöcklabruck”
Noch politisch oder schon professionell?
von Andreas Kurz
Was haben wir gelacht! Wir sind am Schnittplatz gesessen, haben Material gesichtet und gelacht. Stundenlang. Die Kolleginnen im Nebenbüro wurden langsam missgelaunt und ertrugen es schließlich nicht mehr. Was lacht ihr denn so, fragten sie angesäuert. Und wir konnten keine rechte Antwort geben. Ja, worüber lachten wir denn eigentlich?
Menschen waren vor unserer Kamera und unter der Mikrofonangel gestanden, von Mario gefilmt und von mir befragt, sie hatten Antwort gegeben, bemüht um Orignialität, um Witz oder Ehrlichkeit, sie hatten mit ihren Worten gerungen und mit der Frage, was von all den Dingen, die sie gern sagen wollten, gesagt werden durfte, was sie sagen sollten, um nicht missverstanden zu werden, was sie verschweigen mussten, um interessant oder zumindest halbwegs souverän zu wirken, und nun sahen wir ihre Bilder und lachten. Eigentlich waren sie ja mutig gewesen, und wir verdanken ihnen den ganzen Film. Sie hatten eine Herausforderung angenommen, Interviews ohne Vorinformation und vor laufender Kamera; vor einer Kamera, die ein Elefant ist und nichts vergisst. Das Gesagte, das in der Eile – denn ein Interview hat immer einen Anflug von Eiligkeit an sich – nur eine notdürftig hingezimmerte Abbildung des Gedachten ist, dieses Gesagte ist dagegen ein Prozellanladen und schon bei seiner Eröffnung mit gebrauchter, angeschlagener Ware bestückt. Wer bei der Führung, die man dem Elefanten durch den Porzellanladen gewährt, nicht höllisch Acht gibt, steht am Ende als einer da, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, und wenn doch, dann bloß zerbrochene. Aber so ist es nun einmal, und irgendwie weiß man es ja auch und nimmt, trotz des Ungemachs, das man als Interviewter zu erwarten hat, das ganze elefantöse Beschnüffelt- und Angestarrtwerden in Kauf, in der Hoffnung, das Vieh letztlich doch günstig zu stimmen, damit es in die Welt hinaustrottet und -posaunt, was wunders es da zu sehen gegeben habe.
Mario, der Kameramann, der Mann mit dem Elefanten auf der Schulter, ist auf den Aufnahmen nie zu sehen, naturgemäß. Auch Robert oder Thomas, der jeweilige Tonmann jedenfalls, der Mann mit dem Rüssel, bleibt im Off. Und wenn der Elefantentreiber, auch Regisseur genannt, unabsichtlich ins Bild kommt, verschwindet er so schnell wie möglich wieder, und nur seine Stimme lässt sich noch vernehmen, die Stimme von außen, eine Instanz, ungreifbar und nicht zur Auskunft verpflichtet. Hätten wir auch über uns gelacht, wenn wir selbst im Bild gewesen wären? Vermutlich. Aber verhaltener. Und wahrscheinlich weniger aus echtem Amüsement als aus dem Verlangen, sich selbst und einander zu beweisen, wie souverän man sei, während man eigentlich über die eigene Lächerlichkeit erschrocken wäre.
Warum also dieses Lachen, das sich, soviel sei zu unserer Ehrenrettung gesagt, nach den ersten Tagen ausdünnte, ja, bis zum Schluss beinahe ganz verschwand und uns somit – wie rücksichtsvoll – doch noch ein ernsthaftes Arbeiten am Film ermöglichte. Warum dieses Lachen?
Das Menschsein ist eine Vergänglichkeit, der Mensch selbst ein Flüchtigkeitswesen. Alles ist ihm ein Vorgang und nichts an ihm ist dazu gemacht, unverändert zu sein. Ein Mensch, der sich nicht bewegt, ist lächerlich oder tot. Ein Mensch, der eine Bewegung immerzu wiederholt oder immerzu dasselbe sagt, gilt als verrückt. Jeder weiß, wie schwer es fällt, auf Fotos nicht wie ein Vollidiot auszusehen. Und jeder weiß, dass ein Stückchen Film, je öfter man es sieht, meist zunehmend langweiliger und dümmer wird, selten aber spannender oder intelligenter. War es also das? Lachten wir wegen dieser Inkompatibilität von Mensch und Medium? Lachten wir wegen der Wiederholungen beim Sichten? Lachten wir also aus Prinzip?
Weil an dieser Stelle der Einwand angebracht wäre, der mit den Medien vertraute Mensch handle doch selbst – und insbesondere in den wichtigsten Augenblicken seines Lebens – wie im Film, im Roman, in der Seifenoper etc., sei darauf hingewiesen, dass es natürlich ein Repertoire an Posen gibt, die wir konsensual als professionell, nonchalant-souverän, sexy, leidenschaftlich etc. anzuerkennen bereit sind, und mit “Posen” sind hier sowohl die körperlichen als auch die geistigen gemeint. Das Talent zur erfolgreichen Selbstdarstellung (und das besonders wertvolle Geschenk der Telegenität) misst sich ja nicht zuletzt an der stärker oder schwächer ausgeprägten Fähigkeit, die Lächerlichkeit mithilfe genau dieser Posen umgehen zu können. Aber, vor eine Kamera gestellt, brauchen selbst Models oder Schauspieler, diese Berufsposer, in der Regel mehr als einen Anlauf, um eine glaubhafte Haltung zu finden und den richtigen Ton zu treffen, kurzum, um die Pose nicht als Pose erkenntlich werden zulassen. Und dabei sitzen sie doch gewissermaßen auf dem Rücken des Elefanten, der in diesem Fall noch dazu ein vollkommen domestizierter ist und seine Schritte, umgeben von Pflegepersonal und Dompteuren, so oft wiederholt, bis alle Beteiligen zufrieden sind; wohingegen die Befragten eines dokumentarischen Interviews allein mit dem Vieh zurechtkommen müssen, ohne Schützenhilfe und ohne zweite Chance. Das verlangt ganz schön Courage, denn bekanntlich macht Unsicherheit und Zögerlichkeit die Tiere nervös, und immerhin wurden laut Wikipedia letztes Jahr weltweit rund 500 Menschen von Elefanten erdrückt.
Wer sich also oft genug in einer derartigen Situation befindet, wer regelmäßig vor der Kamera Rede und Antwort stehen muss, sieht sich gezwungen, Posen zu perfektionieren und eine Taktik zur Wahrung der eigenen Sicherheit zu entwickeln, was soviel bedeutet, dass er/sie a.) vorsichtiger wird und sich b.) einen Ton zulegt, der Unwidersprechlichkeit vorschützt. Und ist das nicht genau jene Haltung, deretwegen wir unseren Berufspolitikern stets Vorhaltungen machen – diese ausgesprochen souveräne Feigheit?
In freiräumen, unserem Dokumentarfilm über den Kampf um kulturellen und künstlerischen Freiraum in Vöcklabruck, kommen Menschen verschiedener Professionalitäten und Altersgruppen zu Wort, vom 14jährigen Festivalbesucher, über den 19jährigen Kulturinteressierten, vom Stadtpolitiker in den so genannten besten Jahren bis zum Landeshauptmann, der ein alter Hase ist. Bemerkenswert an diesem Querschnitt ist das Maß der Geschliffenheit. Die Unerfahrenen, die nicht nur sprechen, um gesendet zu werden, sondern möglicherweise darüber hinaus noch ein echtes Anliegen haben, diese im Posieren Untrainierten mit all ihren Ecken und Kanten, verhaken sich manchmal in den eigenen Aussagen, beginnen Sätze, zu deren Beendigung dann das Vokabular fehlt, und bringen gerade deswegen oft echte rhetorischen Perlen zum Vorschein. Zum Beispiel (weil es gerade zum Thema passt): “Politik is reden. Sie sollten’s aber auch tun. Ja, was sie reden, sollten sie auch tun, sonst hat reden keinen Wert. Die reden alle nur.” Das kann man in Versform bringen und an die manuskripte schicken. Derartiges sucht man bei den Routiniers, bei den Vollprofis vergeblich. Ihre Antworten sind in der Regel ausgesprochen beredt, zuweilen sogar klug und dabei aber so abgegriffen, dass sich keine rauhe Stelle, keine Ecke oder Kante mehr finden lässt. Ihre Sätze stammen aus dem ORF oder irgendeiner Zeitung und wandern auch wieder dorthin zurück. Das erinnert mich an den Film Zwei außer Rand und Band mit Bud Spencer und Terrence Hill, in dem eine in den USA lebende chinesische Familie so arm ist, dass sie für ihr Kind nichts anderes zu essen hat als einen Zwetschkenkern, und wenn das Kind den Kern wieder in sein Töpfchen geschissen hat, wird er abgewaschen, um ihn dem Kind erneut zu essen zu geben. Ein schönes Bild: Was man von sich gegeben hat, wird konsumiert, um es wieder von sich zu geben, und der Nährwert ist gleich Null. Das Gestottere und die Diätrhetorik – beides ist zum Lachen, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Woran sich meine Frage anschließt: Gibt es wirklich keine professionelle politische Rhetorik, die professionell und trotzdem politisch ist? Kann ein Berufspolitiker überhaupt ein Interview geben, das nicht pure Abwehr gegen die Lächerlichkeit ist (auch wenn sie sich manchmal als Angriff auf politische Gegner tarnt)?
Die Antwort ist youtube. Zum Beispiel eine Fernsehdiskussion von 1978: Max Frisch und der Schweizer Bundesrat Kurt Furgler, der krumm und zuweilen mit verschränkten Armen auf seinem Sessel sitzt. Über einen Sachverhalt befragt oder zu einer Stellungname aufgefordert, nimmt sich Furgler ein paar Sekunden Zeit, um den ersten Satz vorzubereiten. Dann aber, im Gespräch, reiht sich ein Gedanke an den anderen, Max Frisch ist ein respektvoll provokanter Diskussionspartner, der Bundesrat um keine Antwort verlegen, rhetorisch eine Freude, inhaltlich dicht, konzentriert und – man hat das Gefühl – ehrlich. Eine Stunde Polit-Talk, die ein (ja, ich verwende das Wort) Genuss ist. Ein bedächtiges Gespräch, Max Frisch raucht Pfeife und am Tisch steht ein Küchlein, Kurt Furgler, der Mann mit überkämmter Glatze, klobiger Brille, zu engem Jackett und verkniffenem Mund, wirkt onkelhaft gutmütig. Jeder spin doctor würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Professionell in unserem heutigen Sinne ist daran nichts. Zwei alte Säcke, die in muffigen Klamotten stecken und in bedächtiger Sprache über komplexe Dinge und große Entwürfe reden. Wer will denn so etwas sehen? Also ich jedenfalls schon.
Vielleicht ist es tatsächlich so, dass man sich heute entscheiden muss, ob man professionell oder politisch sein will. Die Professionalität, diese tausendundein Posen, die man in den Parteiakademien lernt und für die es, wie ich mir vorstelle, ähnliche Anleitungen geben muss wie für die Positionen der Modelle des klassischen Aktzeichenunterrichts, kann jeder erlernen, dessen Körper- und Geistesmaße bestimmte Werte nicht unter- oder übersteigen und dessen Geduld und Kraft ausreicht, um 15 oder 30 oder 45 Minuten in derselben Haltung auszuharren, je nachdem wie lang die Sitzung oder Sendung eben dauert. Mit Originalität, mit politischem Einfallsreichtum, der Fähigkeit Perspektiven zu entwickeln und Entwürfe anzubieten, hat das alles aber nichts zu tun. Wer eine Position vertritt, die nicht bloß taktisch ist, wer vielleicht sogar eine Utopie anzubieten hat oder eine (drei Mal schwarzer Kater, pfui) Ideologie, setzt seine Tarnkappe ab, wird plötzlich sichtbar und macht sich zum Ziel aufgestachelter Elefantenhorden. So ist die Professionalität zum Ersatz für Politik geworden.
Gelacht, so bin ich jetzt überzeugt, hätten wir in jedem Fall, denn die Lächerlichkeit des Menschen ist unantastbar. Im Fall der unversierten Amateure lässt sich das Lachen überwinden, und dahinter kommt eine Haltung zum Vorschein, über die diskutiert werden kann. Wer aber über die Rhetorik der Berufspolitik nicht mehr lachen kann oder will, dem bleibt nur noch das Heulen.
Die Guten und die Bösen. Natürlich ist das Schwarzweiß-Malerei. Sogar unter den gemäßigtesten bürgerlichen Berufspolitikern gibt es zuweilen helle Köpfe, deren Mut und Charakter nicht erodiert; und freilich gibt es unter den Polit-Amateuren oft genug die sagenhaftesten Flaschen. Im Wesentlichen aber stehe ich zu meiner Diagnose. Der Elefant ist mein Zeuge.
(20.04.2012)






